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Wir müssen reden – Qualitätsjournalismus in der Krise

Drei Thesen und ein Plädoyer für eine unaufgeregte Sachlichkeit


These 1: Realität ist nicht immer politisch korrekt. Und selbst dort, wo Fakten und politische Korrektheit im Widerspruch stehen, hat die Presse sich an den Fakten zu orientieren

Eine freie Gesellschaft braucht eine freie Presse. Sie ist als „vierte Gewalt“ im Staat unabdingbar für ein Gemeinwesen, das einem liberalen, demokratischen Verständnis gerecht wird.

Anders als die drei klassischen Gewalten unseres Rechtsstaates, die Legislative, die Exekutive und die Judikative, ist die Gewalt der Medien jedoch eine virtuelle. Sie speist sich nicht aus formalen Machtinstrumenten, sondern alleine aus sich selbst – aus dem Vertrauen, das die Presse in der Gesellschaft genießt, aus ihrer Sachkompetenz und Aufrichtigkeit, ihrer Unbefangenheit, ihrer Kritikfähigkeit.

Und dieses Vertrauen hat zuletzt gelitten durch mediale Arroganz und Selbstherrlichkeit. Jüngstes und deftigstes Beispiel: Der Spiegel fälschte eine Bestsellerliste, strich ein ihm missliebiges Buch („Finis Germania“) kurzerhand und stillschweigend aus der Statistik – um sich dann, als er dafür in die Kritik geriet, auf befremdliche Weise zu rechtfertigen. Was aber alles noch schlimmer machte.

Unabhängig vom Inhalt des Buches, der hier nicht zu diskutieren ist, ist solches Verhalten fatal für die Medienlandschaft, weil es die Glaubwürdigkeit der Presse zerstört. Bestsellerlisten sind Bestsellerlisten und keine Manövriermasse für eigene Befindlichkeiten. Wer die Unantastbarkeit der Fakten missachtet, zerstört das Fundament des Journalismus. Der Begriff „Lügenpresse“ ist erbärmlich, aber wer will es denen verdenken, die ihn an dieser Stelle nutzen?

Angesichts der unverzichtbaren gesellschaftlichen Rolle der freien Medien ist es höchste Zeit, das zerstörte Vertrauen zurückzugewinnen. Das kann nur gelingen, wenn die Medienschaffenden wieder begreifen, dass Journalismus kein Wunschkonzert ist, bei dem man sich die Nachrichten aussuchen kann. Journalismus hat Nachrichten auch dann zu transportieren, wenn sie abstoßend, ja selbst wenn sie verstörend sind.


These 2: Ein sachkundiger Kritiker ist wertvoller, als ein unwissender Unterstützer


Zu einem gesellschaftlichen Diskurs gehören Rede und Widerrede. Diesen sachlich und analytisch zu führen, mit Respekt vor Gegenpositionen, ist Aufgabe guter journalistischer Arbeit. Journalismus muss sich hier deutlich abgrenzen, von den leider allzu emotionalen Debatten in den (a)sozialen Medien.

Natürlich haben auch Journalisten eigene Meinungen und Wertvorstellungen. Und die müssen sie auch haben. Aber das entbindet sie nicht von der Pflicht, sich mit konträren Einschätzungen redlich und fair auseinanderzusetzen. Professioneller Journalismus analysiert und bewertet Standpunkte, diskreditiert aber nicht die Verfechter einer anderen Position persönlich. Jeder, der sich in Wort und Tat im Rahmen der freiheitlich demokratischen Grundordnung bewegt, hat Anspruch auf eine von Besonnenheit geprägte Auseinandersetzung, die in der Sache zwar scharf, in der Tonalität aber niemals ehrverletzend sein darf. Das gilt auch für den Umgang mit politischen Parteien.

Ebenso besteht im Diskurs der Medien untereinander das Gebot der Fairness. Eine Publikation ist nicht deswegen böse, weil ihre Position zu 180 Grad von der eigenen abweicht. Ein Journalist sollte eine konträre Meinung, sofern durch Sachkenntnis des Autors untermauert, als willkommene Chance begreifen, die eigene Argumentation entsprechend zu schärfen. (In diesem Zusammenhang: ein freundlicher kollegialer Gruß an die WELT!)

Professionalität besteht darin, sich an den Aussagen der Gegenseite in der Sache pointiert, im Ton konziliant abzuarbeiten. Dieses handwerkliche Prinzip war in den gesellschaftlichen Debatten der letzten Zeit nicht immer ausreichend klar erkennbar – mit der Folge eines schmerzlichen Verlustes an  politischer Deutungshoheit für die etablierten Medien.


These 3: Guter Journalismus verharrt nicht in der Gegenwart, lässt sich nicht durch die Stimmung des Moments die Sinne vernebeln. Er ist bestrebt, zielsicher die langfristigen Konsequenzen jeder Entwicklung im Blick zu halten

Journalisten haben eine besondere gesellschaftliche Rolle. Sie haben – wenn sie es denn wollen – den Raum, sich sehr intensiv mit ihren spezifischen Themen zu beschäftigen. Dabei haben sie gegenüber anderen Experten, die in ihrer jeweiligen beruflichen Perspektive verhaftet sind, die faszinierende Chance, alle denkbaren Blickwinkel einzunehmen. Und genau das macht sie zu unentbehrlichen Navigationshilfen im gesellschaftlichen Diskurs.

Um als solche allerdings auf Dauer gehört zu werden, müssen Journalisten in der Lage sein – je nach individuellem Themenspektrum – gesellschaftliche, politische, wirtschaftliche und technische Entwicklungen schnell und stilsicher zu bewerten und zugleich fundierte Zukunftsszenarien mitsamt Chancen und Risiken zu entwickeln.

Unprofessionell handelt, wer sich mehr von Stimmungen als von profunder Analyse leiten lässt. Ein Negativbeispiel in dieser Hinsicht lieferte – bedauerlicherweise – erneut der Spiegel, dem nach Merkels Flüchtlingsentscheidung 2015 seine einst legendäre Kritikfähigkeit komplett abhanden kam. Monate später versuchte er eine Rechtfertigung. Zitat: „In diese Situation sofort mit der kritischen Frage hineinzugrätschen, ob das alles überhaupt funktionieren kann, könnte vielleicht etwas viel verlangt sein.“

Nein, könnte es nicht! Eine derart kleinmütige Formulierung ist verheerend für das Ansehen der Presse, ein Armutszeugnis für den Qualitätsjournalismus. Zumal für ein Magazin, das in der deutschen Nachkriegsgeschichte lange als das Synonym des medialen Hineingrätschens schlechthin galt.

Doch nun, da – nicht nur beim Spiegel – statt nüchterner Analyse allzu oft Stimmungen die Berichterstattung lenken, wo Verzagtheit zur Maxime wird und Wunschdenken die politische Weitsicht verdrängt, wird Journalismus seiner Aufgabe definitiv nicht mehr gerecht – und schreitet damit voran auf dem Weg der Marginalisierung seiner selbst.

Aus dieser Krise gibt es für den Qualitätsjournalismus nur einen Ausweg: mehr Leidenschaft für eine unaufgeregte Sachlichkeit.

 
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