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An dieser Stelle gibt es immer einen Text, der über die Tagesaktualität hinaus reicht, der kommentierenden/analysierenden Charakter hat und bereits irgendwo erschienen ist.

Diesmal: Aus der Silvesterbeilage der Badischen Zeitung, 2019



Warum die Klimadebatte immer aufgeregter wird

Nüchtern betrachtet war es der PR-Gau. Soeben hatte Sven Giegold, Europaabgeordneter der Grünen, in Straßburg noch für die Deklaration eines "Klimanotstands" gestimmt, zugleich das Gegenvotum vieler Christdemokraten als "ganz traurig" bezeichnet – um sodann, wie die Bild-Zeitung herausfand, nonchalant den Flug nach Berlin anzutreten.

Das Netz war in Aufruhr – natürlich. Schnell war auf Twitter der Hashtag #Fliegold kreiert, im Gegenzug wurde die Bild-Zeitung der "Hetze" geziehen – ein Schlagwort, das im Netz heute jedes missliebige Urteil trifft. Und sofort waren auch wieder andere peinliche Flugbiografien diverser Klimaaktivisten aufgewärmt.

Willkommen im deutschen Herbst 2019, in Zeiten der Klimaaufgeregtheit. Scheinbar aus dem Nichts kam sie über das Land, denn faktisch hat sich wenig Neues ergeben in den letzten Jahren. Die Wucht des Klimawandels war der Welt schon im Oktober 2006 bewusst, als der Weltbank-Chefökonom Nicholas Stern einen dramatischen Report publizierte (den der Spiegel mit dem – klar – alarmistischen Titel "Achtung Weltuntergang!" darbot). Es war damit also vor 13 Jahren schon alles gesagt, was man über die Bedrohung durch die steigenden CO2-Werte in der Atmosphäre wissen muss. Dennoch blieb es bis 2018 ruhig an der Demo-Front.

Wenn sich nun an der grundsätzlichen Faktenlage in einem ganzen Jahrzehnt wenig geändert und dennoch die gesellschaftliche Debatte komplett gewandelt hat, stellt sich die Frage: Warum? Es war die junge Schwedin Greta Thunberg, die durch ihre konsequente Art, garniert mit drastischen Worten, die Initialzündung lieferte für eine Bewegung, die zuvor nicht so recht zusammenfand. So kam es zu "Fridays for Future".

Wobei zugleich ein Personenkult um Greta entstand, der einerseits zwar die Akteure zusammenschweißte, andererseits aber auch Kritiker beflügelte. Als dann – oh weh – der Kabarettist Dieter Nuhr es tatsächlich wagte, Greta höchstselbst durch den Kakao zu ziehen, wenngleich mit eher flauen Gags, empfanden das einige Klimabewegte schon als eine Säkularform der Blasphemie.

Lautet die Gretchenfrage doch längst: "Wie hältst Du’s mit dem Klimaschutz?". Denn das Bekenntnis dazu ist mittlerweile heilige Pflicht in der guten Gesellschaft – entsprechend aufgeladen die Stimmung. Dabei geht es kaum noch um klimatologische Fakten (die beklemmend sind, fürwahr). Auch kaum noch darum, wie eine soziale Marktwirtschaft angesichts der Dramatik am besten gegensteuert. Entfacht ist vielmehr ein Kampf Gut gegen Böse. Ein Kampf derjenigen, die sich im Lichte der "Klimagerechtigkeit" sonnen, gegen solche, die – was für eine bizarre Wortschöpfung – als "Klimaleugner" tituliert werden. Politische Debatten werden eben oft mit Unworten geführt.

Zugleich arbeiten sich andere, die nach dem vielfach deklarierten "Klimanotstand" schon freiheitswidrige Notstandsgesetze fürchten, an der neuen Morallehre ab. "Ersatzreligion Klimaschutz" titelte im März die Wirtschaftswoche. Kurz zuvor hatte die Schweizer Weltwoche gar eine "neue Sonnenreligion" ausgemacht, um diese süffisant mit "Sancta Greta" als Heiligenikone zu illustrieren.

Auslöser solcher Vorbehalte gegen den Klimaaktivismus dürfte auch die bizarre Melange der Protagonisten sein. Klar, die Systemveränderer von links, die schon den Atomwiderstand in den Siebzigern und Achtzigern weitgehend vergeblich zu kapern versucht hatten, sind wieder dabei. Es finden hier ferner "Omas gegen rechts" ein Publikum, man verquirlt das Ganze zudem mit Genderfragen, und selbst die Organisation Islamic Relief Deutschland, die laut Bundeszentrale für politische Bildung über "deutliche personelle und ideologische Verflechtungen zur Muslimbruderschaft" verfügt, macht sich plötzlich für Klimaschutz in Deutschland stark. Da fragt man sich schon, wie lange der Klimaprotest im neuen Jahrzehnt anhalten kann, weil eine Bewegung, die zu einem Sammelbecken der Befindlichkeiten einerseits, zum Resonanzraum von Partikularinteressen andererseits geworden ist, ziemlich fragil ist.

Zeit also, den Klimaschutz mehr mit der Nüchternheit der Ökonomie zu betrachten. Klingt dröge, trifft aber den Kern: Wo externe Kosten, in diesem Fall verursacht durch CO2-Emissionen, nicht internalisiert werden, entstehen Fehlallokationen. Soll heißen: Wer Kohlendioxid ausstößt, sollte die Schäden auch bezahlen – man nennt das schlicht: Verursacherprinzip. Werden die Kosten von Umweltschäden, wie heute Usus, hingegen der Allgemeinheit aufgebürdet, kommt es zu Fehlentwicklungen. Damit wäre dann auch schon alles gesagt, die politische Leitplanke des Klimaschutzes definiert. Und tatsächlich besticht Fridays for Future hier durch eine Konkretheit, die versöhnt mit den oft diffusen Slogans auf den Demos: Die Bewegung propagiert einen CO2-Preis von 180 Euro pro Tonne.

Damit erkennt plötzlich auch die Wirtschaft die Relevanz des Themas. Der britische Economist, traditionell unaufgeregt, brachte im September eine bemerkenswerte Schwerpunktausgabe an die Kioske mit der Titelzeile: "The climate issue". Ein Wortspiel. Man kann das als "Klima-Problem" lesen, oder als "Klima-Ausgabe".

Unterdessen geht Fridays for Future mit zwei Kuriositäten ins neue Jahrzehnt. Für die eine können die Schüler nichts: Erstmals in der Geschichte reagieren Erwachsene auf eine Jugendbewegung mit Umarmung. Ausgang ungewiss.

Heikel für die Glaubwürdigkeit ist vielmehr der zweite Punkt. Wenn Elterntaxis, gerne auch SUVs, vor den Schulen anrollen um jene Jugendliche abzuliefern, die sich am Freitag zur Weltrettung aufmachen, passt das nicht zusammen. Ebenso, wenn die demonstrierenden Schüler bei ihrer nächsten Klassenreise in den Flieger steigen. "Global denken, lokal handeln" hieß einst der charmante Slogan der Umweltbewegung. Ob es gelingt, diesen neu mit Leben zu füllen, dürfte über den Erfolg von Fridays for Future entscheiden. Die Maxime steht einerseits für Stringenz im persönlichen Verhalten (Greta selbst lebt es vor) und andererseits für den Blick auch auf die politischen Defizite vor Ort. Zum Beispiel sind viele Schulen im Land energetisch in erbärmlichem Zustand.

Seien wir doch realistisch: Nur Pappschilder zu tragen, auf denen – so richtig wie unverbindlich – steht, dass es "keinen Planet B" gibt, dürfte sich ziemlich schnell totlaufen.

 
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