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Dies soll kein Blog sein, dazu fehlt die Regelmäßigkeit. Es ist eher ein Block, eine Art Notizblock. Eine kleine Ecke in meinem journalistischen Wirken, in der ich Themen aufgreife, die nicht zu meinem üblichen Arbeitsspektrum gehören. Über meine Kernthemen werde ich weiterhin in den bekannten Medien schreiben, doch manchmal gibt es eben auch anderes über das sich ein paar Worte zu schreiben lohnt. Anderes als Energie und Umwelt, als Wirtschaft und Technik. Zum Beispiel die Medien und deren Rolle in der Gesellschaft – was mir naturgemäß auch nahe liegt.

Und noch etwas wird hier anders sein als in meinen sonstigen Beiträgen. Ich werde hier auch die Ich-Form nutzen. In journalistischen Texten finde ich diese oft aufdringlich, mitunter gar peinlich (okay, das sehen immer mehr Kollegen anders, aber da pflege ich die alte Schule…). Doch hier will ich mir die Ich-Form gönnen, weil es eben auch persönliche Notizen sind.

Dezember 2018

Ich gestehe, ich kannte Claas Relotius bislang nicht. Nie bewusst gelesen, diesen Namen. Und dabei kenne ich viele Kollegen – eine ganze Reihe persönlich aus meinen Zeiten in diversen Redaktionen, noch viel mehr vom Telefon durch viele Jahre der Zusammenarbeit, und natürlich unzählige aufgrund ihrer Texte in den unterschiedlichsten Zeitungen und Magazinen.

Als der Fälschungsskandal beim Spiegel aufflog, habe ich den Namen Relotius erstmals bewusst wahrgenommen. Und auch seine Geschichten. Mir wurde schnell klar, warum ich den Namen nicht kannte: Seine Texte sind von jener Machart, deretwegen ich vor drei Jahren mein Spiegel-Abo gekündigt habe. Unabhängig vom Wissen um den Wahrheitsgehalt der Relotius-Machwerke waren mir Texte dieser Art schon immer suspekt. Man könnte sie kitschig nennen.

Sie sind oft nicht mehr als die sprachliche Perfektionierung des Aufsatzthemas aus der Grundschule, das da lautet: „Mein jüngstes Ferienerlebnis.“ Sie decken nichts auf, sie analysieren und erklären nichts, sie bieten schlicht kein intellektuelles Futter in einer immer komplexer werdenden Welt. Sie erzählen nur, bleiben in Gefühlswelten verhaftet. Oft geschmeidig zu lesen, durchaus. Aber gerne auch zu geschmeidig im Sinne einer vermeintlich guten Weltsicht, dabei mitunter unerträglich dick auftragend. Zum Beispiel schrieb Relotius am 9.7.2016 von zwei syrischen Kindern, zehn und elf Jahre alt, denen im Traum Angela Merkel erscheint. Mit Verlaub: Was soll der Quatsch? Ich bitte Sie! (War natürlich alles erfunden.) Wer so schreiben möchte, sollte Schriftsteller werden, nicht Journalist.

An solcher Effekthascherei muss dann auch eine hausinterne Dokumentation scheitern. Sie ist deswegen definitiv nicht das Problem im Relotius-Skandal. Zumal die Dokumentation beim Spiegel – so meine persönliche Erfahrung – ihre Arbeit gewissenhaft erledigt. Ich habe einige Texte für den Spiegel geschrieben, habe das Prozedere kennengelernt, habe jeweils vor Drucklegung mit den Dokumentaren – mal per Telefon, und auch in der Hamburger Redaktion – intensiv diskutiert. Die Faktenprüfer waren oft lästig, aber genau das zu sein, ist ja ihre Aufgabe.

Kritik an der Spiegel-Dokumentation lenkt also nur ab. Zu kritisieren ist alleine ein allenthalben um sich greifendes Textgenre, nämlich Reportagen voller journalistischer Eitelkeit, die so rund sein müssen, wie es die Wirklichkeit eben in der Regel nicht ist. Zu kritisieren ist ein Journalismus, der sich nicht mehr als solides Handwerk begreift, sondern als exaltierte Kunstform, und damit gerne ins Belanglose abdriftet.

Die notwendige Konsequenz aus dem Fall Relotius ist daher vor allem diese: Journalismus muss wieder bodenständiger werden. Guter Journalismus liefert nicht filmreife Erzählungen, die sich jeder Nachprüfbarkeit entziehen. Guter Journalismus interagiert mit seinen Lesern, indem diese zum inhaltlichen Korrektiv werden. Wer handfeste Nachrichten aufarbeitet, wird bei groben inhaltlichen Fehlern von der Schwarm-Intelligenz der Leser wieder auf die richtige Spur gebracht.Er kann gar nicht so dreist fälschen.

Wer hingegen in großem Stil Fiktion auftischen kann, ohne dass dies den Lesern auffällt, belegt nur, wie irrelevant seine Texte jenseits der Sprachästhetik in Wahrheit sind. Wer derart Irrelevantes schreibt, sollte sich nicht Journalist nennen. Wer es druckt, nicht Nachrichtenmagazin.

 
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